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Am Wochenende um den 26. September setzten um die 3000 Aktivist*innen ein Zeichen gegen Gas- und Kohleinfrastruktur im Rheinland (Foto: Ende Gelände, Flickr)

Passend zum globalen Klimastreik am 25. September rief Ende Gelände zu einem Aktionswochenende im Rheinischen Braunkohlerevier auf. Erstmals sollte auch ein Zeichen gegen die Nutzung von Erdgas gesetzt werden. Eine unserer Kolleg*innen war in ihrer Freizeit vor Ort.

Das europaweite Bündnis „Ende Gelände“ übt mittels zivilen Ungehorsams Druck für die Energiewende aus. Hauptforderung ist der sofortige Ausstieg aus fossilen Energien. Im Rheinland, wo gleich mehrere der zehn größten CO2-Verursacher Europas stehen, sollen fünf weitere Dörfer für den Ausbau des Kohlekonzerns RWE weichen. Die Teilnehmer*innen setzen Ihre Körper als Blockaden ein, um dies in einem friedlichen Protest zu verhindern. Trotz Kälte, Regen und strenger Corona-Auflagen versammelten sich ca. 3.000 Aktivist*innen an dezentralen Anlaufstellen, um dann in Gruppen mit jeweils um die 200 Personen loszuziehen. Eine Kollegin demonstrierte mit und teilt hier ihre Eindrücke vom Wochenende.

Am Freitagnachmittag steige ich am Kölner Hauptbahnhof in den Zug. Ich weiß nicht, was mich erwartet. Wie viele Tage werde ich unterwegs sein? Wo geht es hin? Auch ahne ich noch nicht, dass es bei dieser Ungewissheit bleiben wird, bis ich mich wieder auf den Heimweg mache. Trotzdem habe ich das Gefühl: mit dieser Bewegung passiert etwas Großes. Ende Gelände ist international bekannt und wird in der Forschungsliteratur zu Umweltbewegungen als vorbildlicher Brückenschlag zwischen einem soliden umwelttheoretischen Verständnis und der nötigen gesellschaftlichen Basis gesehen. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Vor Ort ist alles bestens organisiert. Aktionstraining, Gruppengespräche, Essen, sehr kurze und stürmische Nacht im Zelt. Um 4:30 Uhr klingelt der Wecker. An unserem Zelt ist bereits die erste Gruppe vorbeigetrampelt. In 20 Minuten stellen wir uns auf. Mit wieviel Gewicht kann ich laufen? Was brauche ich, um warm zu bleiben? Schon am Bahnhof haben wir Polizeikontakt und sind ab diesem Zeitpunkt unter ständiger Beobachtung. Nach einigen Kilometern durch Dörfer und Felder ist alles nass, schwer und voller Matsch. Es regnet ununterbrochen. Irgendwann kommen in unserer Gruppe Fragen über die eigenen Beweggründe auf. "Weil es sonst niemand tut", sagt eine Umweltschützerin.

Kurz darauf erreichen wir eine Straße. Am Horizont hinterlassen die Schornsteine des Kohlekraftwerks Weisweiler ihre schädlichen Dampfwolken. Ohne besondere Vorkommnisse kesselt die Polizei uns ein. Wenige Minuten später fahren vor uns zwei riesige Wasserwerfer und ein Räumfahrzeug auf. Wir sind durchgefroren und wissen nicht, wie lange wir hier festsitzen. Die Füße werden in Gold schillernde Wärmedecken verpackt und mit Tape zugeklebt. Noch immer ist unklar, ob wir die Nacht im Freien verbringen werden.  Nachdem feststeht, dass es einige Zeit dauern wird, stärken wir uns mit Keksen und breiten unsere Rettungsdecken aus. Kurz um werden wir zur Partygruppe und tanzen uns warm. Die Stimmung ist trotz allem gut, wir bleiben friedlich. Ein goldener, hüpfender Haufen.

Etwa drei Stunden später: Die Gruppe hat sich für eine spontane Demonstration entschieden. Wir empfangen eine andere Gruppe am Bahnhof Aachen. Ein großartiger Moment. Dann teilen wir uns auf: ein Teil der Menschen zieht für eine Mahnwache zur Gefangenensammelstelle, der andere Teil geht gemeinsam zurück zum Camp. Ich entscheide mich für den Heimweg, doch etwa 100 Meter vom Bahnhof entfernt werden wir wieder eingekesselt. Laut Polizei um die Art der Versammlung festzustellen. Niemand darf gehen. Auch nicht nach Hause. Irgendwann begleitet man uns schließlich zum Camp.

Insgesamt war ich 34 Stunden unterwegs und froh, als ich Samstagnacht wieder in Köln war. Es ist kurz nach 12. Andere Gruppen hatten eine weniger reibungslose Zeit. Sie berichten davon, dass die Polizei vielfach Gewalt angewendet hat. Ähnliches wird später auch in der Presse bestätigt.

An diesem Wochenende erreichten mindestens fünf der insgesamt 14 Gruppen ihre Ziele. Darunter ein Förderband, Schienen, Kohlebagger und auch eine vom Abriss bedrohte Gaststätte. Erstmals wurde auch Infrastruktur im Bereich Erdgas blockiert, wie die Baustelle einer Erdgasleitung und die Einfahrt zu einem Gaskraftwerk. Erdgas wird aus Sicht von Ende Gelände zu oft als klimafreundliche Energiequelle dargestellt, ist aber ebenso wie Kohle und Öl ein fossiler Energieträger und damit sowohl endlich, als auch klimaschädlich. Dies ist insbesondere der Fall, wenn es durch Fracking gefördert oder über lange Distanzen transportiert wird. Für mich steht fest: der rasche Ausstieg aus Kohle, Öl und Erdgas ist unumgänglich. Anstelle von Subventionen für RWE und Co. und einen sanften Ausstieg aus der Kohle, sind hierfür wirkungsvolle Investitionen in die Zukunftstechnologien der Erneuerbaren Energien und damit verbundene regulatorische Rahmenbedingungen notwendig.


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